Die andere Logopädiestunde
So war das damals. Damals, vor sechs Monaten. Da waren zumindest meine Augen noch so, dass ich lesen und schreiben konnte. Keine zwölf Stunden später mutmaßlich der nächste Anfall Clusterkopfschmerz. Game over.
Und so war der Redaktionsschluss für diesen Beitrag der 31.1.2026. Umso mehr Freude am Lesen wünsche ich dir heute im Hier und Jetzt.

Heute sitze ich mit Sabrina, meiner Logopädin, zusammen. Noch bevor es richtig losgeht, schreibe ich: „Oh, dem Espresso schließe ich mich an, wenn ich darf. Frohes neues Jahr usw.“ Sie schaut mich an und erinnert mich lachend daran, dass wir uns dieses Jahr schon gesehen haben – „und zwar am … am 7.“ Ich muss zugeben: „Ach stimmt, lol. Ich bin so verplant, weil ich so viele Ideen und so wenig Zeit habe.“

Sabrina wundert sich, dass sie auf meinem Blog nichts Neues entdeckt hat. „Ich habe aber keinen Artikel gesehen. Der letzte war der über Silvester, mit dem Hund und der neuen Brille.“ Ich seufze innerlich und tippe: „Ich muss endlich mal die Sachen alle veröffentlichen, die ich schon geschrieben habe. Ich hätte sogar einige Serien fertig, also wo aus einem Thema mehrere Artikel werden, weil es zu umfangreich ist.“

„Ach so“, sagt sie. „Also stockt es beim Veröffentlichen, nicht am Schreiben. Ich dachte, es liegt am Schreiben.“ Ich liste auf: „Thema Zoo ist fertig, dann über einen indischen Privatzoo – der wird abgefahren, weil … lass dich überraschen. Dann über CO₂ ist auch fertig, aber das Illustrieren kostet mich sooo viel Zeit. Ich kaufe die Fotos ja. Und meine Augensteuerung ist nicht darauf optimiert, durch 500 Bilder zu klicken für einen Artikel. Den Silvester-Artikel, daran habe ich vier Tage nur Fotos gemacht.“
Sabrina ist beeindruckt. „Oh, das ist lang, ja. Aber mit den Augen scheint’s einigermaßen gut zu sein. Ich erinnere mich, letztes Mal hattest du immer so Schmerzattacken.“ Ich gebe zu: „Ja, ist insgesamt hervorragend, würde ich sagen. Zwischendrin immer mal Phasen, wo es gar nicht geht, aber na ja, lol, klingt jetzt doof, aber es ist ein angenehmer Grundschmerz, mit dem ich umgehen kann. Und die zwei Stunden, wenn’s mal nicht geht, höre ich irgendwelche Reportagen.“ – „Bloß keine Sekunde ungenutzt verstreichen lassen“, kommentierte sie trocken.

Ich muss lachen. „Haha, das ist in der Tat ein Problem. Momentan schreibe ich an so vielen verschiedenen Themen, es gibt quasi nichts mehr, was ich auf YouTube schauen kann, ohne Notizen zu machen und die Quelle zu dokumentieren. Ich habe ja so irre viel Quellmaterial.“ Dann schiebe ich noch hinterher, was mich im Alltag ausbremst: „Oh, das ist auch eine Sache, für die Augensteuerungen einfach nicht gemacht sind: Quellenangaben zu verlinken. Am Ende ist doch immer das Quellenverzeichnis.“ – „Ja, und die werden immer länger“, meint Sabrina.

„Und anklickbar“, ergänze ich. „Irgendwer muss die Links alle schreiben und zu ’nem Link machen. Das daaaauert mit Augen so ewig und vier Tage. LOL.“ Sabrina nickt. „Ich verstehe. Lauter Sachen, die Zeit brauchen. Das mit der Augensteuerung ist nicht immer ganz einfach. Ich kenne das auch von anderen Patienten. Und wenn die Schmerzen zu verkraften sind, umso besser. Wahrscheinlich sind sie viel schlimmer, aber du hast dich so dran gewöhnt, dass du es gar nicht mehr merkst.“
„Abgefahren, aber ja“, schreibe ich. „Und witzigerweise hat sich die Art, wie ich Schmerzen auf der Skala angebe, komplett verändert. Alles völlig anders als noch vor zehn Jahren – oder sogar fünf Jahren.“ Sabrina findet das logisch: „Na ja, das ist kein Wunder, du hast das schon so lange jetzt. Irgendwann gewöhnst du dich wahrscheinlich doch etwas daran.“ – „Nee, andersherum, lustigerweise“, kontere ich. „Was vor fünf Jahren eine 1 war, ist heute eine 5. Was damals 2, heute 7–8, lol. Ganz einfach, weil ich früher gesagt hab: Stellt euch nicht so an – und Schmerz hab’ ich heruntergespielt. Im „normalen“ Leben, wo man Schmerzen nur kurzfristig hat oder maximal mal ein paar Tage, finde ich, ging das einigermaßen gut. Aber wenn du jeden Tag, Tag ein, Tag aus, mit Schmerzen konfrontiert bist, dann wird’s echt ermüdend.
Wie lange bin ich aus’m Krankenhaus raus? Drei Monate, knapp?“ – „Drei Monate, so etwas hätte ich jetzt auch gesagt“, bestätigte sie.
„Seit fast drei Monaten habe ich keinen einzigen schmerzfreien Tag gehabt“, tippe ich. „Da freut man sich über einen Tag mit ‚nur‘ Grundschmerz mit Intensität 5 auf der Skala von 0 bis 10. Lol, und ich musste meine Skala anpassen, als ich gelernt hatte, dass es erst ab 5 die guten Schmerzmittel gibt.“ – „Ach, siehste mal, das wusste ich nicht“, sagt Sabrina. „Muss ich mir für meinen nächsten Arztbesuch merken.“

Ich erkläre ihr, wie viele Kleinigkeiten ohne Hilfe einfach nicht gehen: „Lol, ich habe ’ne Liste angefangen mit Bitten, die ich ausgesprochen habe, um um Hilfe zu bitten, für wirklich Kleinigkeiten, die für mich unmöglich sind – was echt nervig ist, wenn nicht mehr … Praktisches Beispiel von genau jetzt: Ich glaub’, du musst mir bitte das rechte Nasenloch (…).“ Sabrina ist sofort auf den Beinen, sucht Handschuhe und Papier, um mir die Nase zu wischen. Ich muss sie bremsen: „(…) absaugen, weil das nicht aufhören wird, erfahrungsgemäß. Fing gestern schon an.“
Während die zwei mit Naseabsaugen beschäftigt sind, sollen wir einen kurzen Blick auf diese Liste riskieren?
Es ist die Liste mit den Kleinigkeiten zum Haare raufen , also mit all den Mini-Katastrophen, die im Alltag passieren, wenn Hände, Nase und Augensteuerung nicht so mitspielen, wie sie sollten.
Kleinigkeiten zum Haare raufen
Ach nee, geht ja nicht. Zum Haare raufen bräuchte ich funktionierende Hände.

Einen wunderschönen guten Abend, willkommen zum Nachtdienst. Ich hab’ eine tolle Bitte. Ach verdammt, wie sage ich das? Ich habe mich heute Mittag angepinkelt, weil die Flasche nicht zugegen war. Mir wurde gesagt, da ist nichts. Aber, ach, egal. Würdest du bitte mal riechen, ob es in Hüftnähe nach Pipi riecht? Ich hatte ja Windel an, aber ist schön zu wissen, dass es auch wirklich so ist. Ich kann ja nicht einfach ein Kissen nehmen und dran riechen – selbst wenn es meine Arme und Hände mitmachen würden. Was nicht passieren wird. Aber wenn es passieren würde, könnte ich nicht riechen, weil ich nichts rieche, seit ich die Drecks Kanüle habe. Lol.
Und oh Mann, was ist denn jetzt passiert? Jetzt bin ich wirklich taub. Tropfen von den Augentropfen laufen ins Ohr.
LOL, Nase läuft. Nase? Ach ja, Nase. Da war was. Während ich das denke, sind Sabrina und mein Pfleger längst im Einsatz: Nase, Flasche, Augentropfen – alles einmal auf Anfang.
Nach dieser kurzen Pause zum Naseabsaugen geht es weiter, als wäre es nichts gewesen – mit neuer Energie und ungebremstem Tatendrang. „Ich habe ’ne super Idee, wie ich es schaffen werde, einen/deinen Artikel zu veröffentlichen“, tippe ich. „Ich nehm’ einfach unser Gespräch als Vorlage.“ Wir lachen. „Lol, ich hab’ auf die Uhr geschaut. Ich bin irgendwie nur am Reden.“

Sabrina bestätigte meinen Eindruck: „Ja, so lange ging es die letzten Male nicht mit dem Schreiben. Letztes Mal ohnehin nicht. Ich erinnerte mich noch, wie Schmerzattacken kamen, mitten im Schreiben, vier- oder fünfmal. Und dann hat man auch gesehen, wie es dir so richtig stark die Augen zugezogen hat.“ Ich erkläre: „Sonst war es eigentlich immer so, dass spätestens nach 20 Minuten die Augen richtig müde wurden. Ja, und die Schmerzattacken waren richtig fies an dem Tag. Das tut mir dann immer voll leid, wenn ich merke, wie meine Gäste mehr leiden als ich.“
„Ach was, das muss dir ja nicht leid tun“, widerspricht sie. „Man steht halt dabei so hilflos an der Seite. Und wenn dann das Schreiben auch nicht gut geht … Bei einem anderen Patienten von mir haben wir auch ziemliche Schwierigkeiten mit der Augensteuerung. Wenn die Augen sich immer langsamer bewegen, funktioniert die Augensteuerung auch nicht mehr richtig.“ – „Da graut’s mir so vor“, antworte ich. „Und was das angeht, gehe ich damit so um wie mit meiner Zunge: Ich gebe beiden keine Gelegenheit, auf dumme Gedanken zu kommen, und fordere sie zu 100 % in Wachzeiten und 0 % während des Schlafens.“
Sabrina schaut mich prüfend an. „Blendet dich was? Es sieht aus, als würde dir von irgendwo Licht voll ins Auge strahlen.“ – „Ja, der Boden reflektiert das vom Fenster, glaube ich“, schreibe ich. „Eine weitere Hürde mit der Augensteuerung. Aber bei so schönem Wetter mag ich nicht den ganzen Tag im Dunkeln sitzen.“ – „Ja, das will man auch nicht, das stimmt“, findet sie. „Wir brauchen übrigens ein neues Rezept. Wie haben wir das denn beim letzten Mal gemacht? Hab’ ich da in der Praxis angerufen, oder wie war das?
„Uh, nee, meine Schwester“, tippe ich. „Wie, du kannst ihr direkt schreiben? Au ja, mach das, dann kann ich’s nicht vergessen. Und ich mache ein Vergangenheitsinterview aus meiner heutigen Logopädiestunde. Schee war’s.“ – „Das finde ich auch“, sagt Sabrina. „Und wegen Rezept gebe ich dann Katrin direkt Bescheid. Ihre Nummer habe ich ja.“ – „Und danach schreibe ich weiter an meinem Parteiprogramm“, setzte ich noch oben drauf. – „Ach, ein Parteiprogramm auch noch?“, lacht sie.

